SCHÖNE BEINE AUF REZEPT –
Ein Artikel in der „Elle“ nach einem Interview mit PD Dr. med. Stötter
(Phlebologe und Chirurg)
Oft beginnt es ganz harmlos mit winzigen Besenreisern am Oberschenkel. Ein lästiges, kosmetisches Problem, das jedoch der Vorbote für ein tiefer liegendes Beinleiden sein kann. Der Elle-Test verrät Ihnen, wie gesund Ihre Venen sind. Jede zweite Frau hat Probleme mit schwachen Venen (übrigens auch jeder fünfte Mann). Warum es häufi ger die Frauen trifft, liegt nicht zuletzt an Pille und Schwangerschaften. Hormone beeinfl ussen den Stoffwechsel der Blutgefäße und ihrer Zellen. Durch den erhöhten Druck auf die Venen kann es zu Krampfadern kommen.
Wenn es draußen heiß ist, haben es die „Venenpumpen“ noch schwerer, täglich zwischen 5000 und 7000 Liter verbrauchtes Blut circa 1,50 Meter nach oben zum Herzen zu pumpen. Das Schweregefühl am Abend und der Abdruck vom Strumpfrand sind typische Anzeichen für überlastete Beine. Es kann aber auch der Beginn eines Venenleidens sein.
Normalerweise werden die Venen beim Gehen durch die angespannten Wadenmuskeln zusammengedrückt. Diese Pumpe transportiert das Blut Richtung Herz. Bei gesunden Venen verhindern die Venenklappen einen Rückfl uss. Ist die Vene zur Krampfader erweitert, können sich die Venenklappen nicht mehr richtig schließen. Das verbrauchte Blut fl ießt zurück und staut sich in den unteren Beinvenen. Es kommt zu Schwellungen (Ödeme) ab Knöchel und Wade. Unbehandelt kann aus Krampfadern eine Thrombose, der Verschluß eines Blutgefäßes, entstehen. Im schlimmsten Fall droht durch den ständigen Blutstau ein Geschwür, das gefürchtete „offene Bein“.
Bewegung hält die Venen fit
Schon beim normalen Gehen, noch besser durch Laufen, Joggen, Radfahren oder Schwimmen, werden die Beinmuskeln besonders beansprucht. Sie pressen das Blut aktiver durch die Venen. Eine weitere Rolle spielt die genetische Veranlagung. Leiden beide Elternteile unter Krampfadern, ist man eindeutig vorbelastet. Ebenso sind lange Beine à la Nadja Auermann nicht nur ein Neidfaktor. Experten haben festgestellt, daß „Longlegs“ häufi ger zur Krampfadern neigen. Auch Vielfl ieger - Stichwort: Economy-Class-Syndrom - leben gefährlicher. Viele Passagiere sind verunsichert, ob sie deshalb eine Thrombose befürchten müssen. „Generell stellt eine Flugreise kein erhöhtes Risiko dar“, so der Reisemediziner Dr. Olaf Förster, „nur bei bestimmten Vorerkrankungen oder Risikofaktoren kann es zu Komplikationen kommen.“ Zu den trombosegefährdeten Personen zählen nicht nur Patienten mit Venenerkrankungen, sondern auch frisch Operierte, Herzkranke, Schwangere und Frauen, die die Pille einnahmen - oder starke Raucher(innen).
Harmlose Besenreiser?
Mini-Krampfadern treten oft an Oberschenkeln und Knöcheln auf. An sich sind diese „Besenreiser“ ungefährlich. Sie betreffen die kleinsten Hautvenen. Trotzdem sollte man sie ernst nehmen und von einem Gefäßspezialisten untersuchen lassen, denn sie könnten auf eine Venenerkrankung hinweisen. Sogar ausgeprägte Krampfadern (Varizen) müssen keine Schmerzen verursachen. Mit Krampf haben sie ohnehin nichts zu tun. Das Wort leitet sich vom althochdeutschen „chrampo“ (krumm) ab. Krumm und dick schlängeln sie sich unter der Haut entlang. Bevorzugt zwischen Knöchel-Außenseite und Kniekehle oder Knöchel-Innenseite und Leiste. Dort mündet das obere in das tiefere Gefäßsystem. Rezeptfreie Präparate, z.B. Rosskastanienextrakt, können Schwellungen und das unangenehme Schweregefühl in den Beinen zwar reduzieren - eine Heilung ist mit diesen Mitteln aber nicht möglich. Die Untersuchung des Venenzustands beim Facharzt ist schmerz- und risikolos. Anhand einer Dopplersonographie kann er auch die tieferen Venen beurteilen. Der Farbduplex kombiniert Bildverfahren und Sonographie. „Selbst Krampfadern, die keine Beschwerden verursachen, müssen behandelt werden“, warnt der Landshuter Gefäßspezialist Dr. Lorenz Stötter. „Sie können in der Folge zu ernsten Gesundheitsstörungen führen.“ Bei kleineren Varizen ist wie bei Besenreisern eine Verödungsbehandlung möglich. Dann verklebt das eingespritzte Mittel die Gefäßwände. Der Körper entsorgt den Blutfarbstoff. Durch einen Kompressionsverband werden die Venenwände zusätzlich zusammengedrückt. Bei größeren Krampfadern und starkem Venendruck muss die defekte Vene oder zumindest der betroffene Abschnitt entfernt werden. Dr. Lorenz Stötter: „Ob sich trotzdem wieder neue Varizen bilden, ist nicht vorhersehbar.Viele Patienten haben zehn Jahre Ruhe oder länger. Tatsche ist jedoch, daß die Veranlagung bestehen bleibt.“ Venenoperationen sind heute harmloser, als man denkt. Die meisten werden ambulant unter örtlicher Betäubung durchgeführt. Ab dem zweiten Tag kann man wieder duschen, Auto fahren, viel laufen ohnehin. Kompressionsstrümpfe sind nach dem Eingriff vier bis sechs Wochen Pfl icht.
Strippen für die Beine
Beim so genannten Stripping wird inzwischen schonender mit kleineren Sonden gearbeitet. Durch einen Minischnitt in der Leistengegend trennt der Chirurg zuerst die Krampfader von der Mündung ins tiefe Venensystem. Von einer zweiten Schnittstelle im unteren Beinabschnitt schiebt er die biegsame Sonde bis nach oben. Die Vene wird dann nach innen eingestülpt und samt Sonde herausgezogen. Noch weiter reduziert sind Blutergüsse und Schmerzen beim Stripping mit Tumeszenz. Durchtrennt werden müssen beim Stripping auch krankhaft erweiterte Verbindungsvenen zwischen den oberen und den tiefen Beinvenen. Oft verursachen gerade sie die sichtbaren Krampfadern.
Abschnüren statt entfernen
Nicht herausgenommen, sondern nur stillgelegt werden Krampfadern bei der CHIVA-Methode aus Frankreich. Der Vorteil: weniger innere Verletzungen und schmerzende Blutergüsse, weil keine Seitenäste der Vene abgerissen werden. Per Ultraschall macht der Arzt den Beginn des Defekts ausfi ndig und zeichnet die Stelle auf der Haut an. Unter örtlicher Betäubung setzt er einen kleinen Schnitt, um den markierten Gefäßabschnitt herauszuziehen. Er unterbindet ihn mit einem Faden und versenkt ihn wieder im Bein. „Die Methode eignet sich nur im Frühstadium der Erkrankung und auch nur in Einzelfällen“, urteilt Dr. Stötter. Für ihn ist die minimal invasive amerikanische Closure-Technik überlegen. Allerdings erfordert sie viel Erfahrung vom Operateur und einen höheren Zeitaufwand. Auch hier wird durch einen kleinen Einschnitt eine dünne Sonde bis in die Leiste vorgeschoben und mittels Ultraschall die Lage überprüft. Beim langsamen Zurückziehen der Sonde verschließt Hitzeeinwirkung die Venenwände. Das Gefäß bleibt im Bein, aber es kann kein Blut mehr durchfl ießen. Laser- und Lichtblitztherapie haben sich weder bei Besenreisern noch bei kleinen Krampfadern durchgesetzt. Kritikpunkte der Ärzte: geringe Anwendungsbereiche, minimale Wirkung, erhöhter Zeitaufwand. „Nur wenn die Gefäße so klein sind, daß man mit der Nadel nicht durchkommt, ist der Laser im Vorteil“, so die Erfahrung von Dr. Lorenz Stötter. Die meisten Ärzte veröden weiterhin lieber mit der Nadel. Vor allem seit es die neue Air-Block-Technik mit Verödungsschaum gibt. „Man benötigt weniger an konzentriertem Verödungsmittel. Der Schaum verteilt sich besser und wirkt schneller“, bestätigt Dr. Stötter. Dadurch lassen sich größere Beinfl ächen mit weniger braunen Flecken behandeln. Diese enstehen nämlich, wenn das hoch konzentrierte Verödungsmittel ins Gewebe gelangt.
